In meinem ersten Blog-Artikel von Ende August habe ich Ihnen einen kurzen Über­blick über mögliche Rege­lungen im Hinblick auf den Todes­fall und auf die Urteils­un­fä­hig­keit einer natür­li­chen Person gegeben. Im vorlie­genden Artikel befasse ich mich nun einge­hender mit dem Testa­ment, auch letzt­wil­lige Verfü­gung genannt. 

Die Gesetz­liche Rege­lung und die gesetz­li­chen Erben

Wozu braucht es über­haupt ein Testa­ment? Im Schwei­ze­ri­schen Zivil­ge­setz­buch (ZGB) steht doch ausdrück­lich, wer eine verstor­bene Person beerbt.

Grund­sätz­lich ist es korrekt, dass das Gesetz in vielen Fällen genügt, aber eben nicht in allen. Darauf gehe ich nach­fol­gend mit einigen Beispielen ein. 

Hinter­lässt die verstor­bene Person (nach­fol­gend Erblasser genannt) Nach­kommen, also Kinder und Kindes­kinder, dann bilden diese eine Erben­ge­mein­schaft und erben zu glei­chen Teilen. Lässt eine verstor­bene Person einen Ehepartner oder einen einge­tra­genen Partner zurück, so gehört dieser eben­falls zur Erben­ge­mein­schaft. Der Ehepartner oder einge­tra­gene Partner erhält gemäss Gesetz die Hälfte des Nach­lass­ver­mö­gens. Die andere Hälfte geht zu glei­chen Teilen an die Kinder über. Ist ein Kind bereits vorver­storben, treten seine Nach­kommen wiederum zu glei­chen Teilen an seine Stelle. All dies ist im Gesetz so fest­ge­halten und bei der Erbtei­lung zu beachten, soweit der/​die Verstor­bene in einer letzt­wil­ligen Verfü­gung nicht etwas anderes fest­ge­halten hat.

Was aber, wenn jemand begüns­tigt werden soll, der mit dem Erblasser weder verwandt noch verhei­ratet war und deswegen nicht zu den gesetz­li­chen Erben gehört? Und was, wenn die Ehepartner sich weiter­ge­hend begüns­tigen möchten als es das Gesetz vorsieht? Ja, genau in diesen Fällen ist es wichtig sich nicht einfach auf den Zufall zu verlassen, sondern vorzu­sorgen und ausdrück­lich fest­zu­halten, was mit dem Nach­lass­ver­mögen (also sämt­li­chem Hab und Gut des Erblas­sers) nach dem Tod geschehen soll. Dies kann im Rahmen eines Testa­ments (auch letzt­wil­lige Verfü­gung genannt) geschehen.

Der Pflicht­teil und die frei verfüg­bare Quote

Das Gesetz lässt dem Erblasser bei der Rege­lung des Nach­lasses nicht völlig freie Hand. Es schreibt vor, dass im Gesetz genannte Verwandte nicht über­gangen werden dürfen, indem es für sie soge­nannte Pflicht­teile festsetzt. 

Pflicht­teils­ge­schützt sind der über­le­bende Ehegatte, die Nach­kommen und die Eltern eines Erblas­sers. Wer keine solchen Verwandten hinter­lässt, kann völlig frei über sein Nach­lass­ver­mögen verfügen. Wer jedoch die vorge­nannten Verwandten hinter­lässt, der muss deren Pflicht­teile respek­tieren und kann nur über die sog. „verfüg­bare Quote“ völlig frei verfügen. Die Pflicht­teile können dem ZGB entnommen werden.

Für die Nach­kommen beträgt der Pflicht­teil ¾ des gesetz­li­chen Erban­spruchs, für die Eltern und den über­le­benden Ehegatten ½ des gesetz­li­chen Erbanspruches.

Die Berech­nung der Pflicht­teile und der frei verfüg­baren Quote

Die frei verfüg­bare Quote fällt je nach Konstel­la­tion der über­le­benden Erben unter­schied­lich gross aus. Dazu ein paar Beispiele:

  • Der Ehepartner und die Nach­kommen leben noch:

Das bedeutet der Pflicht­teil des Ehepart­ners beträgt ¼ des Nach­lass­ver­mö­gens, der Pflicht­teil aller Nach­kommen zusammen beträgt 38 des Nach­lass­ver­mö­gens. Es bleibt eine frei verfüg­bare Quote von 38 des Nachlassvermögens. 

JM-Advokatur-Müller-Zug, Gesetzliche Erbteile, Ehepartner und Nachkommen
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  • Es sind „nur“ Nach­kommen vorhanden:

Der Pflicht­teil der Nach­kommen beträgt ¾. Damit ist ¼ des Nach­lass­ver­mö­gens frei verfügbar und kann an eine andere natür­liche oder juris­ti­sche Person testa­men­ta­risch zuge­wiesen werden. Der Erblasser kann zum Beispiel ¼ des Nach­lass­ver­mö­gens seiner lang­jäh­rigen Lebens­part­nerin zuweisen, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder er kann maximal ¼ des Nach­lasses einer gemein­nüt­zigen Orga­ni­sa­tion, einem Paten­kind oder einer ihm sonst nahe­ste­henden Person zuweisen.

JM-Advokatur-Müller-Zug, Gesetzliche Erbteile, nur Geschwister, nur Nachkommen
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  • Es sind keine pflicht­teils­ge­schützten Erben vorhanden:

Der Erblasser kann völlig frei im Rahmen eines Testa­ments über sein Nach­lass­ver­mögen verfügen. Verfügt er darüber nicht, so erben weiter entfernte Verwandte des elter­li­chen Stammes (z.B. Geschwister, Nichten, Neffen) oder des grossel­ter­li­chen Stammes (Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen). Sind auch von diesen Stämmen keine Erben mehr am Leben, dann erbt das Gemein­wesen, in dem der Erblasser zuletzt seinen Wohn­sitz hatte.

JM-Advokatur-Müller-Zug, Gesetzliche Erbteile, nur Geschwister, nur Grosselterlicher Stamm

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Der Inhalt des Testaments

Der Erblasser hat aber auch noch andere Verfü­gungs­mög­lich­keiten. Er kann z.B. ein Vermächtnis an eine Person ausrichten. Bei einem Vermächtnis handelt es sich eigent­lich um eine Schen­kung im Hinblick auf den Todes­fall. Der Erblasser kann mit einem Vermächtnis (auch Legat genannt) einen bestimmten Gegen­stand oder eine bestimmte Summe Geld einer bestimmten Person zuwenden.

Ein Beispiel: Der Erblasser verfügt in seinem Testa­ment folgendes:

„Mein Paten­kind Anna Maier soll ein Vermächtnis von Fr. 20‘000.00 (zwan­zig­tau­send Franken) erhalten.“

Für Anna Maier bedeutet dies, dass sie im Falle des Todes ihres Paten gegen­über den Erben einen direkten Anspruch auf Auszah­lung dieses Geld­be­trages erhält. Erben­stel­lung hat sie damit nicht und haftet somit auch nicht für Schulden des Erblas­sers. Verletzt das Vermächtnis den Pflicht­teil der Nach­kommen, dann wird es entspre­chend herabgesetzt. 

Oft werden auch Sach­le­gate ausge­richtet, auch dazu ein Beispiel:

„Meiner Tochter Barbara Meyer vermache ich meinen Verlo­bungs­ring (Ring in Weiss­gold mit rotem Rubin). Sie muss sich den Wert des Ringes bei der Erbtei­lung nicht anrechnen lassen.“ Barbara Meyer hat gegen­über den übrigen Erben den Anspruch, dass sie den Ring der Mutter erhält. Das Vermächtnis ist an die Person von Barbara Meyer gebunden. Stirbt diese vor ihrer Mutter, dann entfällt das Vermächtnis ersatzlos und es kommen nicht auto­ma­tisch die Erben von Barbara Meyer zum Zug. 

Ausnahme: Wenn die Mutter im Testa­ment ausdrück­lich das Gegen­teil verfügt hat. Also z.B. als Zusatz fest­ge­halten hat: „Sollte meine Tochter Barbara Meyer bei meinem Tod bereits vorver­storben sein, so erhält meine Enkelin Cornelia Meyer den Verlobungsring.“

Die Einset­zung eines Willensvollstreckers

Ein wirk­sames Mittel, dem letzten Willen Nach­druck zu verschaffen, ist die Einset­zung eines sog. Willens­voll­stre­ckers. Auch dies kann im Rahmen eines Testa­ments geschehen. Der Willens­voll­stre­cker ist eine Vertrau­ens­person, welche die Aufgabe hat, den Willen des Erblas­sers nach seinem Tod durch­zu­setzen. Er hat die Aufgabe, die Erbschaft zu verwalten, die Schulden der verstor­benen Person zu bezahlen, die Vermächt­nisse auszu­richten und die Erbtei­lung gemäss den Anord­nungen des Erblas­sers durchzusetzen. 

Eine Willens­voll­stre­ckung kann Sinn machen, wenn es viele Erben und Begüns­tigte gibt und/​oder wenn Streit unter den Erben zu befürchten ist. Sinn machen kann die Einset­zung eines Willens­voll­stre­ckers auch für sog. Patch­work-Fami­lien und bei der Auftei­lung von Liegen­schafen oder Firmen. Aller­dings darf der Willens­voll­stre­cker die Erbtei­lung auch nicht gegen den Willen der Erben durchführen.

Zu bedenken ist aber auch, dass die Einset­zung eines Willens­voll­stre­ckers Kosten verur­sacht, welche zu Lasten des Nach­lass­ver­mö­gens und damit zu Lasten der Erben zu beglei­chen sind.

Das Testa­ment – ein wich­tiges Schriftstück

Bereits aus diesem kurzen Über­blick wird klar, dass es je nach fami­liärer Konstel­la­tion ratsam ist, ein Testa­ment zu errichten. Aber nicht nur der inhalt­li­chen Gestal­tung eines Test­am­tens ist beson­dere Aufmerk­sam­keit zu schenken, sondern auch der Form. Die Form­vor­schriften des Gesetzes sind unbe­dingt zu beachten. Wer sich nicht an die gesetz­li­chen Vorschriften hält, riskiert, dass sein Testa­ment nach dem Tod für ungültig erklärt wird.

Kurz zusam­men­ge­fasst: Wer ein Testa­ment errichtet muss mündig, d.h. mindes­tens 18 Jahre alt, und urteils­fähig sein. Das eigen­hän­dige Testa­ment muss voll­ständig von Anfang bis Ende von Hand geschrieben und mit dem voll­stän­digen Datum und der Unter­schrift versehen sein. Das öffent­liche Testa­ment wird von einer Urkund­s­person (Notar) abge­fasst und im Beisein des Erblas­sers und vor zwei Zeugen beurkundet.

Haben Sie Fragen zum Testa­ment? Möchten Sie bei der Planung ihres Nach­lasses nichts vergessen? Ich stehe Ihnen zur Verfü­gung und berate Sie gerne.

Zug, 10. September 2020 JM